Schrauben, Dübel, Kleber, Arbeitsschutz: Kaum ein Sortiment wirkt unspektakulärer. Und doch hat die Würth-Gruppe aus Künzelsau damit im Geschäftsjahr 2025 einen Rekordumsatz von 20,7 Milliarden Euro erzielt. Das Geschäft begann 1945 als Schraubengroßhandel mit zwei Mitarbeitern. Wie aus Kleinteilen ein globaler Konzern wurde, lässt sich an wenigen Kennzahlen und einem klaren Prinzip ablesen: Würth verkauft nicht nur Material, sondern vor allem Bequemlichkeit.
Die Kennzahlen 2025
Die folgenden Werte stammen aus den Pressemitteilungen zum Jahresabschluss (Mai 2026) und zum Halbjahr (Juli 2026) sowie aus den Unternehmensseiten der Würth-Gruppe:
- Umsatz: 20,7 Milliarden Euro (2024: 20,2 Milliarden Euro), ein Plus von 2,3 Prozent, währungsbereinigt 3,2 Prozent.
- Betriebsergebnis: 970 Millionen Euro (2024: 940 Millionen Euro).
- Eigenkapital: 9,7 Milliarden Euro; die Eigenkapitalquote liegt mit 50,5 Prozent erstmals über 50 Prozent (2024: 47,9 Prozent).
- Mitarbeiter: 86.415 (2024: 88.393), davon rund 44.000 im Vertrieb.
- E-Business: 5,2 Milliarden Euro Umsatz, das entspricht 25,2 Prozent des Konzernumsatzes.
- Regionen: 8,0 Milliarden Euro in Deutschland (+1,0 Prozent), 12,6 Milliarden Euro im Ausland (+3,2 Prozent).
- Struktur: mehr als 400 Gesellschaften, über 2.800 Niederlassungen und Shops in 80 Ländern.
- Kunden: nach Unternehmensangaben 4,5 Millionen weltweit, davon über 650.000 in Deutschland.
- Erstes Halbjahr 2026: 10,9 Milliarden Euro Umsatz (+4,3 Prozent), Betriebsergebnis 515 Millionen Euro (+8,4 Prozent), E-Business-Anteil 25,3 Prozent.
Eine eigene Rechnung zur Einordnung: Das Betriebsergebnis entspricht rund 4,7 Prozent des Umsatzes. Das ist keine Software-Marge, aber für einen Handelskonzern dieser Größe ein solider Wert – zumal die Gruppe ihn in einem Jahr gehalten und leicht gesteigert hat, das der Vorsitzende der Konzernführung, Robert Friedmann, als von geopolitischen Unsicherheiten und schwacher Konjunktur geprägt beschrieb.
Das Geschäftsmodell: Geld verdienen mit C-Teilen
Die Würth-Gruppe gliedert sich in zwei Einheiten. Die Würth-Linie vertreibt Montage- und Befestigungsmaterial an Handwerk und Industrie, organisiert in die Divisionen Auto, Bau, Holz, Metall und Industrie. Die Allied Companies sind in angrenzenden oder diversifizierten Feldern tätig, gebündelt in neun strategische Geschäftseinheiten, etwa Elektrogroßhandel, Elektronik oder Chemie. Die meisten davon sind Handelsgesellschaften, nur wenige produzieren selbst.
Der Kern ist das, was Einkäufer „C-Teile“ nennen: Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben, Verbrauchsmaterial. Die Konzerntochter Würth Industrie Service beschreibt das Problem selbst: Diese Teile sind günstig, verursachen aber im Verhältnis zu ihrem Wert unverhältnismäßig hohe Beschaffungs- und Prozesskosten. Genau hier setzt das Modell an.
Analyse: Für einen Handwerksbetrieb spielt der Stückpreis einer Schraube kaum eine Rolle, wohl aber die Zeit für Bestellung, Lagerhaltung und Fehlbestände auf der Baustelle. Wer diesen Aufwand übernimmt, kann Preise durchsetzen, die über denen eines reinen Preisvergleichs liegen. Würth verdient deshalb weniger am einzelnen Teil als an der Summe aus Verfügbarkeit, Sortimentstiefe und Service. Die Adolf Würth GmbH & Co. KG allein führt nach eigenen Angaben mehr als 125.000 Produkte – eine Breite, die ein Kunde selbst nicht wirtschaftlich vorhalten kann.
Hinzu kommt eine klare Zielgruppendisziplin: Würth verkauft nach eigenen Angaben nur an Gewerbetreibende. Das hält das Geschäft frei von Endkundenrabattschlachten und fokussiert Vertrieb wie Sortiment auf professionelle Anwender.
Würth verkauft nicht die Schraube, sondern die Gewissheit, dass sie im richtigen Moment am richtigen Ort liegt.
Vertrieb und Kanäle: Nähe als System
Das auffälligste Merkmal ist der Außendienst. Rund 44.000 der 86.415 Beschäftigten arbeiten im Vertrieb, also etwa die Hälfte der Belegschaft. In Deutschland sind es laut Unternehmensporträt mehr als 3.200 Außendienstmitarbeiter. Der persönliche Besuch beim Kunden ist historisch das Rückgrat des Modells.
Um den Außendienst herum hat Würth weitere Kanäle aufgebaut:
- Niederlassungen und Shops: Weltweit über 2.800, in Deutschland mehr als 600. Sie bedienen den spontanen Bedarf von Handwerkern vor Ort.
- Onlineshop und Würth App: Digitale Bestellung rund um die Uhr, auch als Ergänzung zum Besuch des Außendienstes.
- E-Procurement: Die Anbindung an die Einkaufssysteme von Industrie- und Großkunden, sodass Bestellungen ohne manuellen Aufwand laufen.
- ORSY und Kanban: Das 1982 eingeführte ORSY-Regalsystem ordnet das Lager beim Kunden. Kanban-Lösungen nach dem Zwei-Behälter-Prinzip und Sensorik lösen Nachbestellungen automatisch aus, sobald ein Mindestbestand erreicht ist.
Der digitale Anteil wächst sichtbar: 2020 lag der E-Business-Anteil am Umsatz bei 19,3 Prozent, 2025 bei 25,2 Prozent. Der Außendienst wird dadurch nicht überflüssig, sondern bekommt eine andere Rolle – weg vom reinen Auftragsannehmer, hin zum Berater, der Systeme beim Kunden einrichtet. Wie sich Vertriebsarbeit durch Automatisierung verändert, beschreibt auch unser Beitrag „KI im Vertrieb: Angebote in Minuten statt Stunden“.
Analyse: Die Kanäle wirken wie ein Bindungsmechanismus. Wer ein ORSY-Regal in der Werkstatt stehen hat, dessen Nachschub automatisch läuft, wechselt nicht wegen ein paar Cent Preisunterschied den Lieferanten. Der Wechselaufwand liegt nicht im Produkt, sondern im Prozess.
Eigentum: Stiftungen statt Börse
Die Würth-Gruppe ist nicht börsennotiert. Bereits 1987 wurde das Unternehmensvermögen in mehrere privatnützige Familienstiftungen übertragen. An der Spitze des Stiftungsaufsichtsrats steht seit Anfang 2025 Benjamin Würth, Enkel von Reinhold Würth, der nun Ehrenvorsitzender ist. Den Vorsitz des Beirats hat Sebastian Würth übernommen. Reinhold Würth hatte das Unternehmen 1954 nach dem Tod seines Vaters im Alter von 19 Jahren übernommen.
Analyse: Die Stiftungsstruktur erlaubt langfristige Entscheidungen ohne Quartalsdruck und schützt das Unternehmen vor Zersplitterung durch Erbfälle. Die steigende Eigenkapitalquote passt zu diesem Kurs. Wie Unternehmerfamilien ihr Vermögen organisieren, zeigt unser Beitrag „Family Office: Ab wann es sich lohnt und wie es funktioniert“.
Was Unternehmer von Würth lernen können
Das Modell ist nicht auf Schrauben beschränkt. Einige Prinzipien lassen sich auf viele B2B-Geschäfte übertragen:
- Prozesskosten statt Stückpreis verkaufen: Wo der Kunde mehr Zeit als Geld verliert, liegt der eigentliche Wert.
- Service in den Alltag des Kunden einbauen: Regalsysteme, automatische Nachbestellung und Systemanbindung schaffen Bindung, die über den Preis hinausgeht.
- Kanäle ergänzen, nicht ersetzen: Würth hat den digitalen Anteil ausgebaut, ohne den Außendienst abzuschaffen.
- Zielgruppe konsequent begrenzen: Der Fokus auf gewerbliche Kunden schärft Sortiment und Vertrieb.
- Kundenbegeisterung als Anspruch: Reinhold Würth formulierte es so: „Nicht zufriedenstellen wollen wir unsere Kunden, sondern begeistern!“
- Eigentum langfristig regeln: Eine stabile Eigentümerstruktur ermöglicht Investitionen über Jahrzehnte.
Wer ein Unternehmen gerade vom Start in die Wachstumsphase führt, findet weitere Anhaltspunkte in „Vom Gründer zum CEO: Welche Rollen Unternehmer abgeben müssen“.
Fazit
Würth verdient Geld mit Produkten, die einzeln kaum etwas kosten, aber in Summe unverzichtbar sind. Der Umsatz von 20,7 Milliarden Euro und ein Betriebsergebnis von 970 Millionen Euro beruhen auf drei Säulen: einem großen, nahen Außendienst, einem Netz aus Niederlassungen und digitalen Kanälen sowie Servicesystemen, die den Beschaffungsaufwand beim Kunden senken. Das Geschäftsmodell ist wenig spektakulär, aber gerade deshalb robust. Für Unternehmer ist die zentrale Lehre: Wer das lästigste Problem seiner Kunden zuverlässig löst, muss nicht der günstigste Anbieter sein.
Quellen
- Würth-Gruppe: Würth-Gruppe wieder auf Wachstumskurs (Pressemitteilung, 07.05.2026) – https://news.wuerth.com/wuerth-group-returns-to-growth
- Würth-Gruppe: Würth weiter auf Wachstumskurs (Pressemitteilung, 08.07.2026) – https://news.wuerth.com/wuerth-continues-on-growth-trajectory/
- Würth AG (Schweiz): Würth-Gruppe wieder auf Wachstumskurs (Medienmitteilung, 08.05.2026) – https://www.wuerth-ag.ch/de/ch/unternehmen_wuerth/medienkontaktstelle/medienmitteilungen/pm_detail_6784
- Würth-Gruppe: Würth-Gruppe erzielt 2025 Rekordumsatz (Pressemitteilung, 14.01.2026) – https://news.wuerth.com/wuerth-group-reports-record-sales-in-2025/
- Würth Group: The Würth Group – https://www.wuerth.com/wuerth-group/Company/Company.php
- Würth Group: The Operational Units of the Würth Group – https://www.wuerth.com/wuerth-group/Company/Operational-units/Operational-units.php
- Würth Group: The boards – https://www.wuerth.com/wuerth-group/Company/The-boards/The-boards.php
- Würth Group: Generationsführungswechsel in der Würth-Gruppe (03.12.2024) – https://news.wuerth.com/next-generation-succession-in-the-wuerth-group/
- Würth Group: Reinhold Würth – https://www.wuerth.com/wuerth-group/Company/Reinhold-W%C3%BCrth/Reinhold-W%C3%BCrth.php
- Adolf Würth GmbH & Co. KG: Unternehmensporträt – https://www.wuerth.de/web/de/awkg/unternehmen/portraet/portraet.php
- Adolf Würth GmbH & Co. KG: Das Unternehmen – https://www.wuerth.de/web/de/awkg/unternehmen/ueber_wuerth/ueber-wuerth.php
- Würth-Gruppe: Multi-Channel-Strategie bleibt Erfolgsgarant (19.01.2021) – https://news.wuerth.com/wuerth-group-multi-channel-strategy-remains-guarantor-for-success/
- Würth Industrie Service: C-Teile und C-Teile-Management – https://www.wuerth-industrie.com/web/en/wuerthindustrie/cteile_management/management_c_teile.php
- Würth Industrie Service: Kanban – https://www.wuerth-industrie.com/web/en/wuerthindustrie/cteile_management/kanban/kanban.php




