Kalender lassen sich optimieren, Aufgaben priorisieren, Termine verdichten. Der Tag hat trotzdem 24 Stunden. Wer als Unternehmer oder Führungskraft auf wachsende Anforderungen vor allem mit längeren Arbeitstagen reagiert, stößt an eine Grenze, die kein Zeitmanagement-Werkzeug verschiebt: die eigene Energie. Genau dort setzt Energiemanagement an.
Die Idee: Zeit ist endlich, Energie erneuerbar
Tony Schwartz und Catherine McCarthy, damals beim Beratungsunternehmen The Energy Project, haben den Ansatz im Oktober 2007 in der Harvard Business Review unter dem Titel „Manage Your Energy, Not Your Time“ beschrieben. Ihr Kernargument: Längere Arbeitszeiten fordern körperlich, geistig und emotional ihren Tribut – mit sinkendem Engagement und wachsender Ablenkung als Folge. Zeit sei eine endliche Ressource. Energie dagegen lasse sich systematisch ausbauen und regelmäßig erneuern.
Die Autoren unterscheiden vier Quellen persönlicher Energie:
- Körper: Schlaf, Bewegung, Ernährung und Erholung bilden die Grundlage.
- Emotionen: Sie bestimmen die Qualität der Energie – ob jemand aus Gelassenheit heraus arbeitet oder aus Gereiztheit und Anspannung.
- Geist: Er steht für die Fokussierung der Energie, also die Fähigkeit, sich über längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren.
- Sinn: Energie entsteht auch dort, wo die tägliche Arbeit mit den eigenen Werten und Prioritäten übereinstimmt.
Das Werkzeug dafür nennen Schwartz und McCarthy Rituale: bewusst geübte, fest eingeplante Verhaltensweisen, die möglichst schnell zur Gewohnheit werden sollen.
Als Beleg führen sie ein Pilotprogramm bei der US-Bank Wachovia an. Anfang 2006 durchliefen dort 106 Beschäftigte aus zwölf Filialen im Süden New Jerseys vier Module, je eines pro Energiedimension. Laut Artikel lag ihr Zuwachs bei den Erlösen aus drei Kreditarten in den ersten drei Monaten um 13 Prozentpunkte über dem einer Kontrollgruppe, bei den Einlagen um 20 Prozentpunkte. Die Autoren räumen selbst ein, dass andere Faktoren die Ergebnisse beeinflusst haben dürften. Es handelt sich um einen Praxisbericht der Programmanbieter, nicht um eine unabhängige Studie.
Warum das Thema jetzt zählt
Seit 2007 sind die Bedingungen eher anspruchsvoller geworden. Chatnachrichten, Kollaborationswerkzeuge und Videokonferenzen sorgen für ständige Erreichbarkeit. Für Gründer und Geschäftsführer, die ohnehin an vielen Stellen zugleich gebraucht werden, verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Erholung.
Dass Belastung kein Randthema ist, zeigen auch Krankenkassendaten. Laut Psychreport 2026 der DAK-Gesundheit entfielen 2025 auf 100 Versicherte 366 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, nach 342 Tagen im Jahr 2024. Die Zahlen beziehen sich auf DAK-versicherte Beschäftigte und lassen sich nicht allein auf Arbeitsbelastung zurückführen. Sie unterstreichen aber, dass Leistungsfähigkeit eine Ressource ist, die Pflege braucht.
Für Führungskräfte kommt ein zweiter Effekt hinzu: Ihr Zustand überträgt sich auf das Unternehmen. Wer übermüdet verhandelt, gereizt in Besprechungen geht oder jede Nachricht sofort beantwortet, setzt Maßstäbe – gewollt oder nicht. Und gerade Entscheidungen unter Druck, wie sie der SIGNO-Beitrag „Entscheiden unter Unsicherheit“ beschreibt, verlangen einen klaren Kopf.
Der Kalender zeigt, wie viel Zeit verplant ist. Er zeigt nicht, mit wie viel Kraft diese Zeit gefüllt werden kann.
Was Unternehmer jetzt tun sollten
Energiemanagement beginnt nicht mit einem neuen Werkzeug, sondern mit Beobachtung. Fünf Schritte haben sich als Einstieg bewährt:
- Energie-Audit über eine Woche: Dreimal täglich notieren, wie hoch Energie und Konzentration gerade sind, etwa auf einer Skala von eins bis fünf, und woran gearbeitet wurde. Nach fünf Arbeitstagen werden Muster sichtbar: welche Termine Kraft kosten, zu welcher Tageszeit der Kopf am klarsten ist. Schwartz und McCarthy lassen Teilnehmer zu Beginn einen Selbsttest mit je vier Aussagen zu Körper, Emotionen, Geist und Sinn ausfüllen.
- Im Rhythmus arbeiten: Die Autoren verweisen auf sogenannte ultradiane Rhythmen, Zyklen von 90 bis 120 Minuten, und empfehlen danach eine kurze, aber echte Pause abseits des Schreibtischs. Entscheidend sei weniger die Länge als die Qualität der Unterbrechung – ein Gang über die Treppe, ein Gespräch ohne Arbeitsbezug.
- Schlaf schützen: Ausreichender, regelmäßiger Schlaf ist die Grundlage jeder Leistungsfähigkeit. Der Selbsttest im HBR-Artikel fragt ausdrücklich, ob jemand regelmäßig mindestens sieben bis acht Stunden schläft. Feste Zubettgehzeiten und weniger Alkohol am Abend zählen zu den Ritualen, die die Autoren nennen.
- Fokusblöcke einplanen: Jeder Wechsel zwischen Aufgaben kostet. Laut Artikel kann schon das kurze Beantworten einer E-Mail die Bearbeitungszeit der eigentlichen Aufgabe um bis zu 25 Prozent verlängern. Sinnvoll sind feste Blöcke ohne Telefon und Postfach, E-Mails zu festgelegten Zeiten – und die Gewohnheit, am Vorabend die wichtigste Aufgabe des nächsten Tages festzulegen und morgens mit ihr zu beginnen.
- Meetings entrümpeln und Energieräuber abgeben: Jeder wiederkehrende Termin gehört auf den Prüfstand: Bereitet er eine Entscheidung vor oder informiert er nur? Letzteres lässt sich oft schriftlich erledigen. Im Artikel vereinbarten Führungsteams, während Besprechungen keine E-Mails zu lesen; ein Unternehmen führte eine meetingfreie Stunde am Morgen ein. Aufgaben, die viel Kraft kosten und anderen leichter fallen, lassen sich übertragen – wie das gelingt, zeigt der Beitrag „Delegieren lernen“.
Auch die emotionale Dimension lässt sich trainieren. Schwartz und McCarthy empfehlen etwa, in angespannten Situationen bewusst langsam auszuatmen, bevor reagiert wird, und Anerkennung gegenüber anderen konkret und regelmäßig auszusprechen.
Fazit
Energiemanagement ersetzt Zeitmanagement nicht, es ergänzt es um die entscheidende Frage: nicht nur, wann gearbeitet wird, sondern in welchem Zustand. Der Ansatz von Schwartz und McCarthy ist fast zwanzig Jahre alt und in seinen Belegen eher Erfahrungsbericht als harte Wissenschaft. Seine Kernbotschaft bleibt dennoch aktuell: Wer dauerhaft Höchstleistung erwartet, muss Erholung ebenso bewusst planen wie Arbeit. Eine Woche ehrlicher Beobachtung reicht meist, um die ersten Hebel zu finden.
Quellen
- Harvard Business Review – Tony Schwartz, Catherine McCarthy: „Manage Your Energy, Not Your Time“, Oktober 2007 – https://hbr.org/2007/10/manage-your-energy-not-your-time
- PubMed – Bibliografischer Eintrag zu „Manage your energy, not your time“ (Harv Bus Rev 2007) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17972496/
- DAK-Gesundheit – Psychreport 2026 – https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2026_163000




